09.12.2025
Inklusionskolumne_01/12/2025
Wer mit Behinderung lebt, braucht Unterstützung – medizinische Versorgung, Hilfsmittel, Assistenz. Doch wer diese Leistungen beantragt, landet oft in Strukturen, die eher Barrieren schaffen. Hilfe gibt es erst nach Formularen, Nachweisen und häufig erst nach einem Widerspruch.
Ich kenne diese Realität gut. Mein Leben hängt von Hilfsmitteln, Assistenz und ärztlicher Versorgung ab. Trotzdem drängt mich das System immer wieder in die Rolle des Bittstellers. Ein Beispiel: die Verordnung meiner Sitzschale. Drei Zeilen vom Hausarzt – Diagnose, Hilfsmittel, fertig. Fachliche Einschätzung? Fehlanzeige. Zentren wie SPZ oder MZEB könnten helfen, doch dorthin zu gelangen, ist selbst ein Hindernislauf.
Hier zeigt sich das Grundproblem: Unser Gesundheitswesen folgt noch immer dem medizinischen Defizitmodell. Menschen mit Behinderung gelten als Verwaltungsfall. Dabei garantiert die UN-Behindertenrechtskonvention – geltendes Recht – das „Recht auf die bestmögliche Gesundheit“, ohne Diskriminierung. Wir müssten überall kompetent versorgt werden, nicht nur in Spezialeinrichtungen.
Die Praxis sieht anders aus. Ärztinnen stellen Fragen, die Nichtbehinderte nie hören: „Haben Sie eine gesetzliche Betreuung?“ Krankenkassen lehnen Hilfsmittel erst ab, nur um sie nach Widerspruch vielleicht doch zu bewilligen. Frauen finden kaum barrierefreie gynäkologische Praxen. Oft erklären wir selbst Fachkräften, wie sie uns behandeln sollen. Das ist absurd und verletzt unsere Rechte. Es fehlt an Bewusstsein – genau das fordert Artikel 8 der UN-BRK. Statt uns als gleichberechtigte Patient*innen wahrzunehmen, wird unsere Kompetenz angezweifelt und unsere Zeit vergeudet. Dabei liegt die Lösung längst vor uns: ein inklusives Gesundheitssystem, das Barrieren abbaut und uns als Teil der Gesellschaft ernst nimmt.
Solange wir jede Verordnung und jede Behandlung erstreiten müssen, bleibt Behinderung ein täglicher Kampf – weniger mit dem Körper als mit Strukturen, die uns kleinhalten. Es ist Zeit, das zu ändern. Es ist Zeit, das zu ändern.
Markus Igel, Mitarbeiter der Lebenshilfe Saarbrücken, schreibt in regelmäßigen Abständen über seine Ideen, Gedanken und seine Erlebnisse als Betroffener. Er steht unermüdlich für seine Belange ein. So fordert er Inklusion auch für alle anderen. Er hat schon viel bewirkt mit seinem starken Engagement. Und er hat noch viel vor für Inklusion: "Barrierefrei Leben" ist das Ziel!