25.08.2026
Inklusionskolumne 02/08/2026_Woher weiß ich eigentlich, woher ich das Geld bekomme?
Wenn Menschen mit Behinderung zu Experten des Sozialrechts werden müssen.
Ich bin Rollstuhlfahrer. Ich lebe seit vielen Jahren selbstständig in meiner eigenen Wohnung und habe gelernt, meinen Alltag zu organisieren. Dazu gehört für mich inzwischen auch, mich mit Behörden, Krankenkassen und anderen Leistungsträgern auseinanderzusetzen.
Aber manchmal frage ich mich: Warum muss ich eigentlich so viel wissen, damit ich die Unterstützung bekomme, die ich brauche?
Ein aktuelles Beispiel ist meine barrierefreie Dusche. Für einen Menschen ohne Behinderung ist eine Dusche etwas völlig Normales. Für mich kann sie darüber entscheiden, ob ich mich in meiner eigenen Wohnung selbstständig bewegen und meine persönliche Hygiene sicher durchführen kann.
Der Weg dorthin ist allerdings alles andere als einfach. Zunächst muss geklärt werden, welcher Leistungsträger überhaupt zuständig ist. Dann müssen Anträge gestellt, medizinische Notwendigkeiten nachgewiesen und gegebenenfalls Widersprüche eingelegt werden. Man muss wissen, welche gesetzlichen Regelungen relevant sind und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.
In meinem Fall ist die Auseinandersetzung mit der Krankenkasse inzwischen abgeschlossen. Doch damit ist das Problem noch nicht vollständig gelöst. Nun steht beispielsweise die Frage einer Sicherheitsleistung von 4.000 Euro gegenüber dem Vermieter im Raum.
Und damit beginnt die nächste Suche: Woher soll dieses Geld kommen?
Genau an diesem Punkt wird mir immer wieder bewusst, wie kompliziert unser Hilfesystem eigentlich aufgebaut ist.
Ich kann mich mittlerweile relativ gut in solche Fragen einarbeiten. Ich kann Gesetze lesen, Urteile suchen, Anspruchsgrundlagen miteinander vergleichen und Widersprüche formulieren.
Aber ich habe kein Jurastudium. Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, ich müsste eines absolviert haben, um mein Leben mit Behinderung organisieren zu können. Ich muss wissen, welche Leistung möglicherweise von der Krankenkasse übernommen wird. Welche Leistungen über die Pflegeversicherung möglich sind. Wann die Eingliederungshilfe zuständig sein könnte. Ob Leistungen nach dem Sozialhilferecht in Betracht kommen. Ob es Fördermöglichkeiten gibt. Ob eine Stiftung helfen könnte. Welche Beratungsstelle zuständig ist. Und welche Fristen ich beachten muss.
Natürlich gibt es Beratungsangebote wie die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. Aber auch dort muss man erst einmal wissen, dass es diese Beratung gibt und dass man sie in Anspruch nehmen kann. Und genau hier sehe ich ein großes Problem.
Was ist mit einer Familie, die gerade erst erfahren hat, dass ihr Kind eine Behinderung hat?
Die Eltern haben vielleicht noch nie einen Antrag bei einer Behörde gestellt. Sie kennen die Begriffe Eingliederungshilfe, Hilfsmittelversorgung, Pflegegrad, Teilhabeleistungen oder Persönliches Budget vielleicht überhaupt nicht.
Woher sollen sie wissen, welche Möglichkeiten es gibt?
Woher sollen sie wissen, wer zuständig ist?
Und vor allem: Warum müssen sie das überhaupt selbst herausfinden? Ich glaube, dass genau hier eine wichtige Barriere unseres Sozialstaates liegt. Wir sprechen sehr viel über Barrierefreiheit. Wir sprechen über Rampen, Aufzüge, barrierefreie Wohnungen und digitale Zugänge. Aber eine Barriere kann auch aus 30 Seiten Antrag, fünf verschiedenen Zuständigkeiten und einer komplizierten gesetzlichen Anspruchsgrundlage bestehen. Diese Barriere sieht man nicht. Aber sie ist da.
Und sie trifft diejenigen besonders hart, die ohnehin schon mit einer Behinderung leben. Denn wer seine Rechte nicht kennt, beantragt möglicherweise Leistungen gar nicht erst. Wer nicht weiß, welcher Leistungsträger zuständig ist, stellt vielleicht den falschen Antrag. Wer einen ablehnenden Bescheid bekommt und nicht weiß, dass dagegen ein Widerspruch möglich ist, akzeptiert vielleicht eine Entscheidung, die rechtlich gar nicht das letzte Wort gewesen wäre.
Und wer keine Ahnung hat, dass möglicherweise auch Stiftungen oder andere Unterstützungsangebote existieren, wird diese Möglichkeiten niemals nutzen. Das führt zu einer paradoxen Situation: Je besser man sich im System auskennt, desto größer sind die eigenen Möglichkeiten, Unterstützung zu bekommen. Das kann doch nicht das Ziel eines Sozialstaates sein.
Ich habe manchmal sogar das Gefühl, dass bei diesen ganzen Auseinandersetzungen etwas entsteht, was ich für besonders problematisch halte: Man beginnt irgendwann, sich selbst für seine Hilfebedürftigkeit verantwortlich zu fühlen. Man denkt: Warum muss ich schon wieder einen Antrag stellen? Warum muss ich schon wieder erklären, warum ich etwas brauche? Warum muss ich schon wieder beweisen, dass meine Behinderung tatsächlich Auswirkungen auf meinen Alltag hat? Warum muss ich schon wieder darum kämpfen?
Dabei habe ich mir meine Behinderung nicht ausgesucht. Ich bin nicht schuld daran, dass ich Unterstützung brauche. Und trotzdem gerät man als Mensch mit Behinderung immer wieder in die Rolle desjenigen, der um Hilfe bitten muss. Dabei geht es häufig gar nicht um ein Geschenk. Es geht um Leistungen, die gesetzlich vorgesehen sind, damit Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Deshalb brauchen wir meiner Meinung nach nicht nur mehr Barrierefreiheit im baulichen Sinne.
Wir brauchen auch Barrierefreiheit im Sozialleistungssystem.
Ein Mensch, der Unterstützung benötigt, sollte nicht erst zum halben Juristen werden müssen, um herauszufinden, welche Unterstützung ihm möglicherweise zusteht. Staatliche Stellen sollten Menschen nicht nur darüber informieren, was sie nicht bekommen können. Sie sollten Menschen auch verständlich darüber informieren, welche anderen Möglichkeiten bestehen und an wen sie sich wenden können. Denn Selbstbestimmung bedeutet nicht nur, selbst zu entscheiden, wie ich leben möchte.
Selbstbestimmung bedeutet auch, überhaupt zu wissen, welche Möglichkeiten ich habe.
Vielleicht sollten wir deshalb bei der Diskussion über Inklusion nicht immer nur fragen: Ist der Zugang zu einem Gebäude barrierefrei? Sondern auch: Ist der Weg zu meinem Recht barrierefrei? Meine Dusche ist vielleicht bald barrierefrei. Der Weg dorthin war es bisher jedenfalls nicht. Und genau das sollte sich ändern.
Hier können Sie sich die gesamte Barrierebrecher Kolumne_02/08/2026
als pdf herunterladen.