28.01.2026
Inklusionskolumne_01/01/2026 PARTNERSCHAFT UNTER DRUCK
Familien mit beeinträchtigten Kindern und die Verantwortung der Gesellschaft
Ich habe mir im Zusammenhang mit meiner Kolumne intensiv Gedanken über eine Frage gemacht, die selten offen gestellt wird: Warum trennen sich Paare und Eheleute mit einem Kind mit Beeinträchtigung so häufig? Und steht diese Trennung in direktem Zusammenhang mit der Beeinträchtigung des Kindes?
Zunächst ist die enorme emotionale Belastung für Familien nachvollziehbar. Die Diagnose eines Kindes mit Beeinträchtigung stellt einen tiefgreifenden Einschnitt dar – für beide Elternteile, für die Partnerschaft und für das gesamte familiäre Selbstverständnis. Doch neben dieser emotionalen Dimension spielen weitere Faktoren eine erhebliche Rolle, die weniger individuell als vielmehr gesellschaftlich bedingt sind.
Dazu zählen gesellschaftliche Stigmatisierung, die Angst vor einem dauerhaft erhöhten Maß an Verantwortung, eine oftmals überwältigende Bürokratie sowie permanente Auseinandersetzungen mit Behörden, Krankenkassen, Pflegekassen und Bildungseinrichtungen. Hinzu kommt die moralische und soziale Bewertung von außen, die Familien zusätzlich unter Druck setzt. Diese Faktoren wirken kumulativ und können Beziehungen erheblich belasten.
Wir müssen uns als Gesellschaft ernsthaft fragen, warum Familien mit einem Kind mit Beeinträchtigung so häufig allein gelassen werden. Es fehlt vielerorts an ausreichenden Unterstützungsstrukturen, an niedrigschwelligen Assistenzangeboten und an verlässlicher Begleitung – und das nicht nur für die betroffenen Kinder, sondern für die gesamte Familie. Für Familien mit Kindern mit Beeinträchtigung gilt dies in besonderem Maße.
Ein weiterer Aspekt, der selten thematisiert wird, sind die zerplatzten Zukunftsbilder und Lebensentwürfe der Eltern. Träume, Erwartungen und Vorstellungen müssen plötzlich neu gedacht werden. Ein Vater, der sich darauf gefreut hat, mit seinem Kind wandern zu gehen oder als Fußballtrainer am Spielfeldrand zu stehen, sieht sich mit dem Verlust dieser Bilder konfrontiert. Für diese Trauer, diese Neuorientierung und die Entwicklung neuer Perspektiven fehlen häufig geeignete Strukturen, Vorbilder und mutmachende Begegnungen – etwa mit anderen Vätern und Familien in ähnlichen Lebenssituationen.
Daher ist es notwendig, dass wir als Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Wir müssen Familien mit Kindern mit Beeinträchtigung stärker auffangen, entlasten und unterstützen. Dazu gehört der Abbau von Stigmatisierung ebenso wie die Vereinfachung von Verwaltungsprozessen, eine verlässliche inklusive Bildungslandschaft und echte soziale Teilhabe. Vor allem aber müssen wir den Druck und die Ängste reduzieren, die mit diesem neuen Lebensabschnitt einhergehen.
Die Frage nach Trennung oder Zusammenhalt in solchen Familien ist somit nicht nur eine private, sondern eine zutiefst gesellschaftliche Frage. Und sie verlangt nach gesellschaftlichen Antworten.
Markus Igel, Mitarbeiter der Lebenshilfe Saarbrücken, schreibt in regelmäßigen Abständen über seine Ideen, Gedanken und seine Erlebnisse als Betroffener. Er steht unermüdlich für seine Belange ein. So fordert er Inklusion auch für alle anderen. Er hat schon viel bewirkt mit seinem starken Engagement. Und er hat noch viel vor für Inklusion: "Barrierefrei Leben" ist das Ziel!